Laut UNICEF stieg die Kinderarmut in der Bundesrepublik seit 1990 stärker an, als in allen anderen Industrienationen.
In den letzten Jahren und Monaten mahnten Organisationen und Verbände immer wieder die Regierungen an, sich dem schwerwiegenden Problem (besonders unter allein erziehenden Müttern/ Vätern und Zuwandererfamilien) bewusster anzunehmen. Doch scheint dieses Thema in unserer Gesellschaft weitaus sensiblere Lösungen zu benötigen, da jegliche Bemühungen seitens des Staates und verschiedener Organisationen in den letzten siebzehn Jahren wirkungslos blieben und soziale Absicherungen von Kindern/ Jugendlichen immer mehr in den Hintergrund getreten sind; was auch damit zutun haben mag, dass Kinder keine Lobby haben und sie für die Parteien nicht interessant sind.
Diese Wirkungslosigkeit der Organisationen führt zu der These, dass sozialpolitische Maßnahmen erfolglos sind, weil sie nicht die vorherrschende gesellschaftliche Geisteshaltung, gegenüber ungleicher Verteilung materieller und kultureller Ressourcen, bekämpft.
Welcher Natur sind die Probleme?
Betroffen zu sein von Kinderarmut ist ein zweischneidiges Schwert, da zunächst nicht die Kinder die Belastung tragen, sondern die so genannten Einkommensschwachen Eltern, von denen der größere Teil in der Regel allein erziehend ist. Durch das Abhängigkeitsverhältnis der Kinder zu ihren Eltern geraten diese Kinder ebenfalls in die Armutsfalle; nicht selten ihr ganzes Leben lang.
Im Ganzen geht es hierbei um ein gesamtgesellschaftliches Problem, dass sich durch die unterschiedliche Auffassung bestimmter Teile unserer Gesellschaft über Armut ergibt, aber auch durch das ganz subjektive Empfinden des Individuums, das in seinem ganzen Leben noch keine kulturelle und soziale Armut verspürt hat, während andere ihr ganzes Leben damit verbringen gegen ihre persönlichen Armutsverhältnisse anzukämpfen.
Während wir insgesamt in einem Land mit höchstem Wohlstand leben, werden gerade durch das Prinzip das diesen Wohlstand für viele ermöglicht, gleichzeitig Verlierer produziert, die oft schon in mehreren Generationen den Ausschluss aus materiellen und kulturellen Ressourcen ertragen und unter den Menschen mit Zweitwagen und Ferienwohnung schon lange nicht mehr auffallen.
Kinder jedoch sind nicht arm. Sie können noch nicht arbeiten, sie konkurrieren nicht und sie müssen nichts leisten. So einfach zumindest möchten wir sie, mit dem Spielzeug in der Hand, sehen. Die Realität zeigt eine andere Wahrheit. Auf dem Schulhof, beim Schulausflug und vor den Türen der Sport- und Kulturvereine bleibt ein rotes Tuch über die Diskussion gespannt, warum manche Kinder zuhause bleiben müssen oder seit Monaten die gleiche Klamotte tragen. Rebellion und Wut der Kinder, werden dann oftmals als Verhaltensstörungen abgetan oder ihr Zustand einfach nur bedauert.
Kinder und Jugendliche konkurrieren: so wie es die Erwachsenen machen, um Anerkennung und Aufmerksamkeit. Sie bedienen sich der Mittel die Ihnen zur Verfügung stehen, bzw. gestellt werden. In Sachen ‚Konsum’ sind ihnen heutzutage keine Grenzen mehr gesetzt, außer der einen Grenze: Das Einkommen der Eltern.
Kinder und Jugendliche leisten: in der Schule, im Verein, im Haushalt. Gerade hier wird ihnen das Prinzip unserer Wohlstandsgesellschaft verdeutlicht, und ihnen bei Versagen bewusst welche Konsequenzen sich für ihr Leben ergeben können, wenn sie nicht ‚voll ausgestattet‘ und ’satt‘ an ihre Hausaufgaben gehen.
Von Armut betroffene Kinder erleben das Ausbleiben ihrer Möglichkeiten, erleben das Versagen ihrer Eltern und sind ebenso wie sie gelähmt und handlungsunfähig. Kinder können nicht arbeiten gehen, weil sie Kinder sind, und die Geschichte hat lange gebraucht, um dass in die Verfassung zu übernehmen. Bei genauerer Hinsicht wird aber deutlich, dass Arbeit nicht immer nur eine Tätigkeit ist, die mit einer Sozialversicherung zusammenhängt. Kinder in prekären Situationen arbeiten nun doch an den Stellen mit, wo die Gesellschaft sich mit Globalisierungsgründen entschuldigt. Die Mutter die für einen Niedriglohn arbeiten geht, überträgt zur Entlastung selbstverständlich Aufgaben, die man als Arbeit ansehen muss, an ihre Kinder.
Zudem fällt dadurch Erziehung auf ein Minimum zusammen, wenn das Kind über den Tag unreflektiert unseren Medien ausgesetzt, der drohenden Prügel von markenübersättigten Klassenkameraden entkommt, oder der Reinigung des Haushaltes mehr Zeit zukommt, als für die notwendigen Hausaufgaben. Gerade hier hat es fatale Auswirkungen, wenn das Kind sich wegen Nichterbringbarkeit der verlangten Leistungen und Demütigungen der Schule fernhält, bei problematischen peer groups, wie Nazibanden oder Straßengangs Anerkennung und Zuflucht findet, in die Drogenszene abrutscht oder sich mit Unterhaltungselektronik isoliert.
Welche Lösungen gibt es?
Zusammenfassend ist ein Kind, welches nach ökonomischer Norm arm ist, bei weitem mehr als das. Es ist der ganzen Kälte einer Gesellschaft ausgesetzt, die um den goldenen Stier tanzt. Es hat keine reale Mitteilungsmöglichkeit und seine soziale Verelendung interessiert bei Volljährigkeit dann höchstens noch die Sozialarbeiter und die Kriminalstatistik. Eltern die materiell und kulturell die ganzen Errungenschaften unserer Industrienationen erkaufen können, sind gleichzeitig in der Verantwortung den Eltern und Kindern die davon ausgeschlossen sind, ihre Aufmerksamkeit und ihre Mittel zur Verfügung zu stellen. Es darf nicht damit getan sein zur Weihnachtszeit anonym eine Spende an arme Kinder zu überreichen, da gerade dadurch Benachteiligte sich schwach und gedemütigt fühlen müssen und zu einer erneuten Ausgrenzung führt, sowie lediglich das schlechte Gewissen und die Ohnmacht der Übersättigten widerspiegelt.
Alle Eltern und solche die es werden könnten, sind aufgerufen auf ihre Regierung und den Parteien druck auszuüben, Schulen nicht sich selbst zu überlassen, in ihrer Kommune soziales Engagement über das sonntägliche Autowaschen zu stellen. Keine Zeit für Kinder und Jugendliche zu haben ist die Ausrede einer hedonistischen Leitkultur und ein Armutszeugnis für eine angeblich soziale und souveräne Gesellschaft.
Der Wert einer Kultur misst sich zuallererst an der Unbedarftheit und Gesundheit ihrer Kinder und nicht an ihrer heiligen Kaufkraft. -
videobeitrag: was ist armut